Freitag, 07.12.2018

Marc Ribot’s Ceramic Dog

Konzert: YRU Still Here?

Marc Ribot ist eine der großen Figuren in der amerikanischen Musik – und eine der unberechenbarsten. Als Gitarrist hat er die Musik von Berühmtheiten wie Tom Waits, Elvis Costello, Allen Ginsberg, Solomon Bourke, Marianne Faithfull, Norah Jones, The Black Keys, John Zorn und Robert Plant mitgeprägt. In seinen eigenen Projekten tritt er mal als Rockmusiker, mal als Jazzer und mal als verschrobener Virtuose mit Hang zum Folk oder zur Klassik in Erscheinung. Sein Trio Ceramic Dog versteht Ribot als Rockband: Musik mit punkiger Energie, überschäumender Originalität und viel Zynismus, vom Roadhouse Blues über verrockten Cumbia bis hin zum psychedelischen Trip.

 

„I got a right to say FUCK YOU!!!“, so geht’s los auf dem neuen Album. Voller Wut schreit Ribots Stimme gegen Korruption, Tyrannei, das Leben im Allgemein und nichts Bestimmtes. Eine musikalische Aufforderung an den Präsidenten der USA, jetzt endgültig seine Sachen zu packen – und an die Zuhörer, ihn dabei tatkräftig anzufeuern!

 

„Guitarist Marc Ribot‘s wildest project doesn‘t mess around. The guitar legend, with bassist Shahzad Ismaily, and drummer Ches Smith, merges funk backbeats with the taut chaos of Sonic Youth and flashes of Woodstock Santana.“ – NY Magazine

 

Einen Beitrag über Marc Ribots Album „Songs of Resistance 1948 – 2018“ ist unter dem Titel Musik und Widerstand in der „Kulturzeit“ auf Bayern 2 erschienen: hier ab Minute 8 zum Nachhören.

 

 

Unsere Küche hat ab 19.30 Uhr für Sie geöffnet!

 

 

Und hier noch ein Interview, das im Oktober 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist:

 

Ein Gespräch mit dem amerikanischen Gitarristen und Sänger Marc Ribot

Mein Land, es geht um dich

„Ich werde gegen den Klimawandel etwas tun, solange ich kann, mit allen Mitteln“: Marc Ribot spricht über die Tradition der Protestsongs und erzählt, warum er nun selbst welche singt.

 

Welches war der erste Protestsong, den Sie gehört haben?

Ich kann mich nicht genau erinnern, wahrscheinlich etwas von Woody Guthrie oder Paul Robeson. „Go Down, Moses“ vielleicht.

Paul Robeson?

Ist der nicht mehr bekannt? Er war ein schwarzer Kommunist und ein großartiger Sänger. Ich würde sagen, jeder jüdische Junge aus einer linken oder liberalen Familie in New Jersey in den frühen Sechzigern hat ihn gehört. Wobei ich glaube, meine Eltern wollten mich damit nicht wirklich politisieren, sondern nur zeigen, dass sie liberal waren.

Und welches war der erste Protestsong, den Sie selbst spielten?

Das weiß ich genau: „Masters of War“ von Bob Dylan. Ich wollte damit in der Schule Mädchen beeindrucken.

Sollten Protestlieder eigentlich zwingend zum Mitsingen sein?

Ach wo, es gibt so viele Arten von Protestliedern. Manche etwa dienen nur dazu, Nachrichten zu verbreiten, etwa die mexikanischen Corridos. Hip-Hop-Stücke sind das Gegenteil von Mitsingliedern. Das erste Mal, dass ich etwas wie Rap gehört habe, war 1975 in einem Gefängnis in Maine. Solche „prison toasts“ waren für die Insassen der einzige Weg, ihre Geschichten mitzuteilen. Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Kategorien. Auch Instrumentalmusik kann politisch sein: Ein Solist rebelliert gegen den Komponisten. John Cages berühmte Kritik des Jazz war ja, dass er die Freiheit des Solos nur um den Preis der Sklaverei der Rhythmusgruppe erreichte. Free Jazz und jener aus New Orleans haben darauf geantwortet, indem alle gleichzeitig improvisierten.

Haben Sie, jetzt rein musikalisch, etwas an Protestsongs auszusetzen?

Nun, wenn ich etwa Punkbands höre, die angeblich sehr politisch sind, frage ich mich oft: Was hilft es, gegen das System zu rebellieren, aber Sklave der Taktstriche zu bleiben? Die Rebellion sollte sich auch gegen die tonale Musik richten!

Wer Ihre Werkgeschichte betrachtet, ist vielleicht etwas überrascht, dass ausgerechnet Sie ein Album mit „Songs of Resistance“ veröffentlichen.

Tatsächlich habe ich mich, seit ich mit dreizehn Dylan spielte, sehr lange nicht als Protestmusiker gesehen. Von gelehrten Kritikern wurde mein Gitarrenspiel oft als postmodern bezeichnet. Also ich spielte Jazz oder Blues, aber mit einer bestimmten Distanz. Zitierend, sezierend, mit Ironie. Und nicht unbedingt die Emotion des Originals wiedergebend.

Auch in der Folkmusik, also im Protest-Genre selbst, gibt es heute einen gewissen Zynismus angesichts der aufrichtigen, klassischen Tradition etwa von Joan Baez. Wie stehen Sie dazu?

Natürlich komme ich aus einer ganz anderen Tradition, ich habe mich immer eher an Oscar Wildes Vorstellung von Aufrichtigkeit gehalten. Ich war bei den Lounge Lizards! Aber irgendwann sagte ich mir: zum Teufel mit der Distanz. Und was Joan Baez angeht: Heute denke ich, sie war viel cooler als viele dieser selbstgefälligen Hipster. Und ich bewundere sie dafür, dass sie all die Jahre bei der Stange geblieben ist.

Ist denn Coolness für einen alten Jazzer wie Sie noch eine Kategorie?

Mir ist eigentlich egal, was cool ist. Ironie ist in Ordnung, eine gewisse Zeit lang. Aber irgendwann stellt sich die Frage: Wer bist du wirklich? Im Moment bin jemand mit einer 21 Jahre alten Tochter in einer Welt, die innerhalb ihrer Lebenszeit laut Klimaforschern enden könnte. Und dagegen werde ich etwas tun, solange ich kann und mit allen Mitteln, die ich habe.

Hauptsächlich zielt die Kritik Ihres Albums aber auf das gegenwärtige Amerika: Es geht um Polizeigewalt, Hassverbrechen, Gedenkkultur. Und Sie nennen es dezidiert „Songs of Resistance“.

Unter Protest verstehe ich etwas, das die Autorität derjenigen, gegen die man singt, noch anerkennt. Bei „resistance“ ist das nicht der Fall. Ich hatte bei verschiedenen Gelegenheiten das Gefühl, dass wir neue Lieder für die Straße brauchen, zu denen wir marschieren können. Vielleicht wird das nicht viel ändern. Aber es wird vielleicht manche anfeuern, ihnen neuen Mut machen.

Sie greifen bei den Kollaborationen mit Gästen wie Steve Earle und Meshell Ndegeocello dezidiert auf die Songs der Bürgerrechtsbewegung zurück.

Ja, auch um andere als die gängigen Lieder wieder ins Gedächtnis zu rufen. „We Shall Overcome“ kennen alle. Aber es gab noch sehr viele andere Songs des Civil Rights Movement, darunter „We Are Soldiers in the Army“. Es wurde gesungen, wenn jemand verhaftet wurde, um ihm Mut zu machen, und es ließ Leute in einer Zelle des Gefängnisses wissen, dass es in den anderen Zellen noch andere Unterstützer gab.

So schön es ist, bei dem italienischen Partisanenlied „Bella Ciao“ mal wieder die Stimme von Tom Waits zu hören: Gibt es nicht auch einen gewissen Abnutzungseffekt von Protestsongs? „Bella Ciao“ war in Europa zuletzt ein Dance-Sommerhit.

Stimmt, jedes Lied kann sich abnutzen. Aber in Amerika ist „Bella Ciao“, glaube ich, bei weitem nicht so bekannt. Übrigens verstehe ich das Album nicht als dezidiert links. Ich bin auch kein Anarchist mehr, es geht vielmehr um eine breite Front gegen eine sehr gefährliche Entwicklung. Bei der Abwehr des Faschismus hat es auch eine solche Front gegeben, auch Konservative gehörten dazu.

Ein regelrechtes Agitationslied ist „Knock that Statue Down“, das Sie nach den Ereignissen von Charlottesville über die Statue des Südstaatengenerals Lee geschrieben haben.

Ja, so sehe ich das. Es ist einfach so: Der Süden war mehr als zweihundert Jahre lang ein großes Konzentrationslager für Schwarze. Und wer für diesen Süden gekämpft hat, sollte nicht auf öffentlichen Plätzen geehrt werden. Natürlich ist auch die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs komplex, auch der Nordstaaten-General Sherman hat schreckliche Verbrechen begangen. Von ihm gibt es gewiss keine Statue in Atlanta. Aber am Ende läuft es doch darauf hinaus: Die Unionssoldaten kämpften für die Abschaffung der Sklaverei und den Erhalt der Vereinigten Staaten.

Sehr beeindruckend ist „Srinivas“, ein Lied über den indischstämmigen, 2017 in Kansas aus blankem Fremdenhass ermordeten Srinivas Kuchibhotla. Darin heißt es: „Madman pulled the trigger / Donald Trump loaded the gun“.

Als ich die Geschichte dieses Mannes hörte, dachte ich, wir schuldeten seiner Familie etwas. Ich habe Nachrichtentexte kompiliert und dann gereimt.

Am Ende geht das Lied über in „My Country, ‚tis of Thee“ . . .

. . . ein patriotisches Lied, das in Amerika jedes Kind in der Grundschule lernt. Das alte, förmliche „thee“ in der Ansprache richtet sich hier nicht nur an das Land, sondern auch an Kuchibhotlas Angehörige.

 

Marc Ribot, Jahrgang 1954, spielte unter anderem Gitarre auf dem stilprägenden Album „Rain Dogs“ (1985) von Tom Waits. Er ist aber längst mehr als ein „Sideman“, hat 25 Soloalben veröffentlicht und in Bands wie John Luries Lounge Lizards oder Los Cubanos Postizos mitgewirkt. Mit dem Programm von „Goodbye Beautiful/Songs of Resistance 1942-2018“ (Anti/Indigo) kommt er im Dezember auch nach Deutschland.

 

Die Fragen stellte Jan Wiele.

 

(ab 2.7.2018, 10 Uhr)
Vorverkauf: 20-28 €
Abendkasse: 21-29 €
Einlass: 19:30 Uhr
Beginn: 20:30 Uhr
Im alten kino

Freitag, 07.12.2018

Marc Ribot’s Ceramic Dog

Konzert: YRU Still Here?

Marc Ribot ist eine der großen Figuren in der amerikanischen Musik – und eine der unberechenbarsten. Als Gitarrist hat er die Musik von Berühmtheiten wie Tom Waits, Elvis Costello, Allen Ginsberg, Solomon Bourke, Marianne Faithfull, Norah Jones, The Black Keys, John Zorn und Robert Plant mitgeprägt. In seinen eigenen Projekten tritt er mal als Rockmusiker, mal als Jazzer und mal als verschrobener Virtuose mit Hang zum Folk oder zur Klassik in Erscheinung. Sein Trio Ceramic Dog versteht Ribot als Rockband: Musik mit punkiger Energie, überschäumender Originalität und viel Zynismus, vom Roadhouse Blues über verrockten Cumbia bis hin zum psychedelischen Trip.

 

„I got a right to say FUCK YOU!!!“, so geht’s los auf dem neuen Album. Voller Wut schreit Ribots Stimme gegen Korruption, Tyrannei, das Leben im Allgemein und nichts Bestimmtes. Eine musikalische Aufforderung an den Präsidenten der USA, jetzt endgültig seine Sachen zu packen – und an die Zuhörer, ihn dabei tatkräftig anzufeuern!

 

„Guitarist Marc Ribot‘s wildest project doesn‘t mess around. The guitar legend, with bassist Shahzad Ismaily, and drummer Ches Smith, merges funk backbeats with the taut chaos of Sonic Youth and flashes of Woodstock Santana.“ – NY Magazine

 

Einen Beitrag über Marc Ribots Album „Songs of Resistance 1948 – 2018“ ist unter dem Titel Musik und Widerstand in der „Kulturzeit“ auf Bayern 2 erschienen: hier ab Minute 8 zum Nachhören.

 

 

Unsere Küche hat ab 19.30 Uhr für Sie geöffnet!

 

 

Und hier noch ein Interview, das im Oktober 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist:

 

Ein Gespräch mit dem amerikanischen Gitarristen und Sänger Marc Ribot

Mein Land, es geht um dich

„Ich werde gegen den Klimawandel etwas tun, solange ich kann, mit allen Mitteln“: Marc Ribot spricht über die Tradition der Protestsongs und erzählt, warum er nun selbst welche singt.

 

Welches war der erste Protestsong, den Sie gehört haben?

Ich kann mich nicht genau erinnern, wahrscheinlich etwas von Woody Guthrie oder Paul Robeson. „Go Down, Moses“ vielleicht.

Paul Robeson?

Ist der nicht mehr bekannt? Er war ein schwarzer Kommunist und ein großartiger Sänger. Ich würde sagen, jeder jüdische Junge aus einer linken oder liberalen Familie in New Jersey in den frühen Sechzigern hat ihn gehört. Wobei ich glaube, meine Eltern wollten mich damit nicht wirklich politisieren, sondern nur zeigen, dass sie liberal waren.

Und welches war der erste Protestsong, den Sie selbst spielten?

Das weiß ich genau: „Masters of War“ von Bob Dylan. Ich wollte damit in der Schule Mädchen beeindrucken.

Sollten Protestlieder eigentlich zwingend zum Mitsingen sein?

Ach wo, es gibt so viele Arten von Protestliedern. Manche etwa dienen nur dazu, Nachrichten zu verbreiten, etwa die mexikanischen Corridos. Hip-Hop-Stücke sind das Gegenteil von Mitsingliedern. Das erste Mal, dass ich etwas wie Rap gehört habe, war 1975 in einem Gefängnis in Maine. Solche „prison toasts“ waren für die Insassen der einzige Weg, ihre Geschichten mitzuteilen. Wahrscheinlich gibt es noch viel mehr Kategorien. Auch Instrumentalmusik kann politisch sein: Ein Solist rebelliert gegen den Komponisten. John Cages berühmte Kritik des Jazz war ja, dass er die Freiheit des Solos nur um den Preis der Sklaverei der Rhythmusgruppe erreichte. Free Jazz und jener aus New Orleans haben darauf geantwortet, indem alle gleichzeitig improvisierten.

Haben Sie, jetzt rein musikalisch, etwas an Protestsongs auszusetzen?

Nun, wenn ich etwa Punkbands höre, die angeblich sehr politisch sind, frage ich mich oft: Was hilft es, gegen das System zu rebellieren, aber Sklave der Taktstriche zu bleiben? Die Rebellion sollte sich auch gegen die tonale Musik richten!

Wer Ihre Werkgeschichte betrachtet, ist vielleicht etwas überrascht, dass ausgerechnet Sie ein Album mit „Songs of Resistance“ veröffentlichen.

Tatsächlich habe ich mich, seit ich mit dreizehn Dylan spielte, sehr lange nicht als Protestmusiker gesehen. Von gelehrten Kritikern wurde mein Gitarrenspiel oft als postmodern bezeichnet. Also ich spielte Jazz oder Blues, aber mit einer bestimmten Distanz. Zitierend, sezierend, mit Ironie. Und nicht unbedingt die Emotion des Originals wiedergebend.

Auch in der Folkmusik, also im Protest-Genre selbst, gibt es heute einen gewissen Zynismus angesichts der aufrichtigen, klassischen Tradition etwa von Joan Baez. Wie stehen Sie dazu?

Natürlich komme ich aus einer ganz anderen Tradition, ich habe mich immer eher an Oscar Wildes Vorstellung von Aufrichtigkeit gehalten. Ich war bei den Lounge Lizards! Aber irgendwann sagte ich mir: zum Teufel mit der Distanz. Und was Joan Baez angeht: Heute denke ich, sie war viel cooler als viele dieser selbstgefälligen Hipster. Und ich bewundere sie dafür, dass sie all die Jahre bei der Stange geblieben ist.

Ist denn Coolness für einen alten Jazzer wie Sie noch eine Kategorie?

Mir ist eigentlich egal, was cool ist. Ironie ist in Ordnung, eine gewisse Zeit lang. Aber irgendwann stellt sich die Frage: Wer bist du wirklich? Im Moment bin jemand mit einer 21 Jahre alten Tochter in einer Welt, die innerhalb ihrer Lebenszeit laut Klimaforschern enden könnte. Und dagegen werde ich etwas tun, solange ich kann und mit allen Mitteln, die ich habe.

Hauptsächlich zielt die Kritik Ihres Albums aber auf das gegenwärtige Amerika: Es geht um Polizeigewalt, Hassverbrechen, Gedenkkultur. Und Sie nennen es dezidiert „Songs of Resistance“.

Unter Protest verstehe ich etwas, das die Autorität derjenigen, gegen die man singt, noch anerkennt. Bei „resistance“ ist das nicht der Fall. Ich hatte bei verschiedenen Gelegenheiten das Gefühl, dass wir neue Lieder für die Straße brauchen, zu denen wir marschieren können. Vielleicht wird das nicht viel ändern. Aber es wird vielleicht manche anfeuern, ihnen neuen Mut machen.

Sie greifen bei den Kollaborationen mit Gästen wie Steve Earle und Meshell Ndegeocello dezidiert auf die Songs der Bürgerrechtsbewegung zurück.

Ja, auch um andere als die gängigen Lieder wieder ins Gedächtnis zu rufen. „We Shall Overcome“ kennen alle. Aber es gab noch sehr viele andere Songs des Civil Rights Movement, darunter „We Are Soldiers in the Army“. Es wurde gesungen, wenn jemand verhaftet wurde, um ihm Mut zu machen, und es ließ Leute in einer Zelle des Gefängnisses wissen, dass es in den anderen Zellen noch andere Unterstützer gab.

So schön es ist, bei dem italienischen Partisanenlied „Bella Ciao“ mal wieder die Stimme von Tom Waits zu hören: Gibt es nicht auch einen gewissen Abnutzungseffekt von Protestsongs? „Bella Ciao“ war in Europa zuletzt ein Dance-Sommerhit.

Stimmt, jedes Lied kann sich abnutzen. Aber in Amerika ist „Bella Ciao“, glaube ich, bei weitem nicht so bekannt. Übrigens verstehe ich das Album nicht als dezidiert links. Ich bin auch kein Anarchist mehr, es geht vielmehr um eine breite Front gegen eine sehr gefährliche Entwicklung. Bei der Abwehr des Faschismus hat es auch eine solche Front gegeben, auch Konservative gehörten dazu.

Ein regelrechtes Agitationslied ist „Knock that Statue Down“, das Sie nach den Ereignissen von Charlottesville über die Statue des Südstaatengenerals Lee geschrieben haben.

Ja, so sehe ich das. Es ist einfach so: Der Süden war mehr als zweihundert Jahre lang ein großes Konzentrationslager für Schwarze. Und wer für diesen Süden gekämpft hat, sollte nicht auf öffentlichen Plätzen geehrt werden. Natürlich ist auch die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs komplex, auch der Nordstaaten-General Sherman hat schreckliche Verbrechen begangen. Von ihm gibt es gewiss keine Statue in Atlanta. Aber am Ende läuft es doch darauf hinaus: Die Unionssoldaten kämpften für die Abschaffung der Sklaverei und den Erhalt der Vereinigten Staaten.

Sehr beeindruckend ist „Srinivas“, ein Lied über den indischstämmigen, 2017 in Kansas aus blankem Fremdenhass ermordeten Srinivas Kuchibhotla. Darin heißt es: „Madman pulled the trigger / Donald Trump loaded the gun“.

Als ich die Geschichte dieses Mannes hörte, dachte ich, wir schuldeten seiner Familie etwas. Ich habe Nachrichtentexte kompiliert und dann gereimt.

Am Ende geht das Lied über in „My Country, ‚tis of Thee“ . . .

. . . ein patriotisches Lied, das in Amerika jedes Kind in der Grundschule lernt. Das alte, förmliche „thee“ in der Ansprache richtet sich hier nicht nur an das Land, sondern auch an Kuchibhotlas Angehörige.

 

Marc Ribot, Jahrgang 1954, spielte unter anderem Gitarre auf dem stilprägenden Album „Rain Dogs“ (1985) von Tom Waits. Er ist aber längst mehr als ein „Sideman“, hat 25 Soloalben veröffentlicht und in Bands wie John Luries Lounge Lizards oder Los Cubanos Postizos mitgewirkt. Mit dem Programm von „Goodbye Beautiful/Songs of Resistance 1942-2018“ (Anti/Indigo) kommt er im Dezember auch nach Deutschland.

 

Die Fragen stellte Jan Wiele.